Der Bustrip nach Georgia war ein besonderes Highlight während meiner Arbeit. Alljährlich organisiert meine Organisation zwei Busse, um an einem Protest teilzunehmen.
Grund für den Protest ist eine Militärschule. Hier im Süden der USA werden seit Jahrzehnten alle möglichen Militärs und sogenanntes Sicherheitspersonal (oft Paramilitärs) aus Lateinamerika ausgebildet. Sie ist in das Visier etlicher Menschenrechtsorganisationen geraten, da dessen Absolventen besonders häufig für schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind. Die Schule ist ein Überbleibsel aus dem kalten Krieg, als Amerika versuchte mit allen Mitteln den Kommunismus einzudämmen. Heute dient die Ausbildung vor allem für den Drogenkrieg in Mexiko, Kolumbien und Zentralamerika.
Jährlich findet deshalb ein friedlicher Protest vor Toren in Fort Benning statt.
Jährlich findet deshalb ein friedlicher Protest vor Toren in Fort Benning statt.
Mein erster Eindruck war: Ungefähr so nur ein wenig größer muss Woodstock gewesen sein. Die Stimmung war beeindruckend und lässt sich mit Peace, Love and Harmony ganz gut beschreiben. Zudem sind ein paar Bands aufgetreten, was dem Ganzen einen Festivalcharakter verliehen hat. Einige tausend Menschen aus allen Teilen der USA, Kanada und Lateinamerika strömten an mir vorbei, als ich die ersten Stunden Postkarten für IRTF verteilen durfte. Sehr unterschiedliche und interessante Menschen treffen hier zusammen: ein paar Hippies geben dir Free Hugs und Fussmassagen, während eine Frau die wahrscheinlich vor 40 Jahren im bunt bemalten VW Bulli selbst zum Woodstockkonzert gefahren ist, heute authentisch barfuß mit ihrem neuen Ipad ein paar meditierende tibetische Mönche filmt. Im nächsten Moment laufen ein paar Kriegsveteranen durchs Bild. Szenenwechsel: Ein paar Meter weiter sind einige junge Leute die ausgelassen zu Trommelrhythmen durch die Gegend tanzen und dem Geruch nach zu urteilen das Ganze nicht immer drogenfrei.
Den nächsten Tag war die Stimmung allerdings etwas anders. Es gab eine Zeremonie, um an all diejenigen, die bei Menschenrechtsverstößen der Absolventen ermordet wurden zu gedenken. Nach jedem Namen, der halbgesungen vorgetragen wurde, antworteten tausende mit einem „Presente!“ (ich bin anwesend) und hielten ein weißes Kreuz hoch. Unter den Opfern sind Kinder, deren Familien und ganze Dörfer. Mehrere Stunden hat die Prozession gedauert, bis alle ihre Kreuze in den meterhohen Zaun vor der Militärbasis gesteckt haben. Es war eines der bedrückendsten, aber auch eindrucksvollsten Erfahrungen in den USA.

