Abreise ohne mich
Neun Tage Vorbereitungsseminar in
Hirschluch, einer in idyllischer Natur gelegenen Jugendbegegnungsstätte,
habe ich inzwischen hinter mir. Allerdings sei erwähnt, dass es eine
täuschende Idylle war, welche durch das enorm hohe Mückenaufkommen von
durchschnittlich 100 blutrünstigen Saugern pro Kubikmeter Luft und mindestens
20 Stichen pro Tag gestört wurde. Sie waren stets Begleiter meiner Aktivitäten,
haben beim Blutsaugen völlig entspannt meinen Gesprächen gelauscht. Sie wollten
abends noch mit mir unter die Bettdecke kriechen und sind netterweise
wachgeblieben während ich geschlafen habe. Selbst beim Duschen und auf
Toilettengängen kannten sie keine Privatsphäre. Es war eine ganz besondere Form
der Hassliebe die uns verband.
Also nach diesen neun Tagen des Leidens, aber auch des sich gegenseitig
Kennenlernens - nicht nur mit den Mücken, sondern auch mit vielen netten Leuten -
und nach neun Tagen des Wartens - ohne auch nur eine Neuigkeit von der
US-Botschaft bezüglich des Visums erhalten zu haben - musste ich mich
vorgestern schweren Herzens bei den anderen USA-Freiwilligen um 5 Uhr morgens
verabschieden. Über eine Woche hatte ich mich jetzt in unterschiedlichen Workshops auf mein Jahr vorbereitet, bin mit der USA-Gruppe zusammen gewachsen und die Vorfreude wurde natürlich immer größer. Und umso merkwürdiger war dann das Gefühl, nicht mit in den Bus Richtung Flughafen zu steigen. Aber ich habe allen versprochen, dass ich auf jeden Fall nachkommen werde. Ein mutiges Versprechen...
Hangover
Hätte ich gewusst, dass ich den nächsten Tag mit einem unglaublichen Kater mit hundert Kilo Gepäck durch ein verregnetes Berlin wandern würde, wäre mein Alkoholkonsum an diesem Abend sicher nicht ganz so stark ausgefallen. Der enorme Schlafmangel hat mir dann noch den Rest gegeben. Ich war eine wandelnde Leiche gefangen in Berlins U-Bahn Dschungel.
ASF hat sich inzwischen um eine Unterkunft bei einer ehemaligen Freiwilligen,
die mit ihrem 18-jährigen Sohn in Berlin lebt, gekümmert und ich sollte mich um
16 Uhr bei ihr einfinden. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr genau, wie ich es
in meinem Zustand geschafft habe, aber irgendwann stand ich tatsächlich vor dem
richtigen Haus. Das Problem war jedoch, dass ich grade nicht den Nachnamen von
meiner "Gastmutter" Marita im Kopf hatte und am Hauseingang von 50
unterschiedlichen Klingelschilder mit 50 verschiedenen Nachnamen empfangen
werde. Völlig erschöpft ruh ich mich erstmal aus und versuche mich
fieberhaft daran zu erinnern, ob und welcher Name in der Mail mit allen Infos zu meine Unterkunft denn gestanden haben mag. Ein junger Student, nicht
unwesentlich älter als ich, unterbricht meine Grübeleien, als er grade ins Haus
gehen will. Netterweise kann ich sein Handy benutzen um die Mail nochmal zu
checken.
Und nein, es steht
tatsächlich kein Name in der Mail. Aber dafür entdeckte ich eine höchst interessante Mail von der
Visa-Abteilung:
We have completed the processing of your visa application.
Und BÄÄHM das war der Satz auf den ich 3 Monate lang gewartet habe. Alle Probleme waren erstmal vergessen. Ich muss nicht nach Belgien und in den Kellern irgendeines Museumsarchives schmoren!! (Das wäre Plan C gewesen.) Und in zwei Wochen werde ich mich bereits ein paar tausend Meter über dem Atlantischen Ozean in einer gepflegten A380-Maschine auf dem Weg nach Amerika befinden. Egal welche Gründe (9/11 ?!) auch immer dazu geführt mögen haben, dass man mich hat solange warten lassen, ich freue mich jetzt umso mehr, bald Cleveland meinen Wohnort nennen zu dürfen. Soviel steht fest: Es wird sicher kein langweiliges Jahr werden.
Und schließlich musste ich die Nacht auch nicht auf der Straße verbringen - der Name ließ sich noch ausfindig machen. Das wars erstmal von mir und bitte gewöhnt euch nicht an das Format, die nächsten Einträge werden definitiv kürzer!
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