Sonntag, 15. Januar 2012

Poverty and Crime


Wenn man nach einem Theaterbesuch die Fensterscheiben des Autos einer Freundin zerschlagen und das Portemonnaie gestohlen auffindet oder einem Freund das Handy an einer Bushaltestelle einfach aus der Hand gerissen wird  oder wenn man in eine Bar geht in der man dann erfährt, dass nachmittags noch zwei Personen davor erschossen worden sind, kann man schon den Eindruck bekommen das Cleveland etwas gefährlicher ist. Tatsächlich ist das aber nicht der Fall. Auf der Liste der gefährlichsten Städte der USA ist Cleveland weit abgeschlagen noch hinter Washington und Miami. Und ich hab mich bisher auch noch nicht unsicher gefühlt, zumal es so etwas wie ein Ghetto hier auf der Westseite nicht gibt. Das was man hier dennoch an Kriminalität mitbekommt ist meist nur eine logische Folge aus einer Reihe von Problemen, die aus dem schwachen Sozialsystem und einem Mangel an Arbeit und Möglichkeiten hervorgehen.

Hier begegnet einem einfach eine ganz andere Form der Armut, wie man sie aus Deutschland so nicht kennt. Sie ist hier nichtmehr irgendwo auf dem Land inmitten der spießbürgerlichen Nachbarschaft hinter Fenstern mit zugezogenen Gardinen oder im 18. Stock eines Wohnblocks mit grauen Balkon versteckt, sondern sie ist offensichtlich. So offensichtlich dass man ihr jeden Tag bewusst ist.
Dass zum Beispiel jemand auf der Straße an dir vorbeiläuft und dich auch schon Mal ein wenig aufdringlicher fragt, ob du einen Dollar für ihn hast, ist ganz normaler Alltag. 



Aber ich finde es auch immer wieder erschreckend, wenn man sieht wie ganze Stadtteile einfach aufgegeben worden sind. Um die Ostseite der Stadt ist es zum Beispiel besonders schlecht bestellt: wie ausgestorben, scheinen manche Straßenzüge. Herabblätternde fade Farbe, verbarrikadierte Türen und eingeschlagene Fenster lassen vermuten dass hier schon lange keiner mehr wohnen will. Manchmal sind die Eingänge von einem Berg aus Geröll begraben, damit ja niemand Unerwünschtes das Haus betreten kann. Wer kann zieht weg. In die schöneren Vororte. Und wer nicht kann, der wird Zeuge vom weiteren Verfall, von der Gewalt und von einer schier ausweglosen Armut. Doch man braucht nur zwei Straßen weitergehen und plötzlich öffnet sich der urbane Kadaver und man sieht nett gestaltete, ausladende Bürgersteige und futuristisch anmutende Gebäudekomplexe die zu einem der weltbesten Krankenhäuser gehören.
Noch ergreifender habe ich es von meinem Besuch in Philadelphia in Erinnerung, wo abends der überdachte Bereich vor einem Supermarkt bis zum letzten Platz mit schlafenden Obdachlosen gefüllt war oder wo man jemanden im Schlafsack eingerollt inmitten auf dem Weg aus kaltem Granit vor einem prunkvollen Gebäude schlafen sieht. 

Das ist der Kontrast dem man in Amerika so oft begegnet!