Freitag, 7. Oktober 2011

All about Cleveland!

Ich lebe für das Jahr in Cleveland in einer Lebensgemeinschaft mit sozial benachteiligten Menschen und anderen Freiwilligen zusammen im Catholic Worker House. Auf jeden Fall ist es nicht die tpisch amerikanische Seite des Lebens die ich hier kennen lernen werde. 
Schwerindustrie - nicht mein Haus:)
Das Leben in der Community ist bescheiden. Die Meisten sind in viele soziale Projekte eingebunden. Denn Cleveland ist die zweitärmste Großstadt in den USA. Nur Detroit ist noch ärmer. Beide Städte teilen das Schicksal des enormen Rückgangs der Schwerindustrie in den 70er Jahren im heute sogenannten rust belt. Einst hat in dieser Stadt Rockefeller, der erste Milliardär der Welt, sein Reichtum angehäuft. In diesen Zeiten war Cleveland noch mitten im manufacturing belt, dem besten Wirtschaftsplatz in den USA, der vor allem durch die Kohle und Stahlindustrie boomte.  Doch all das hatte seinen Preis: Zum Beispiel ist der Cuyahoga River, der durch Celveland fließt, der einzige Fluss der jemals zweimal gebrannt hat. Und dafür bedarf es schon einer ziemlich erhöhten Konzentration an Chemie und Abfall im Wasser. Das erfuhr ich übrigens, als ich das bitterste Bier der Welt namens Burning River probiert habe. Inzwischen ist er aber einer der reinsten Flüsse in Amerika. Dennoch ist das Leitungswasser hier nicht das Beste. Es wird hier enorm viel gechlort, was aber niemanden weiter stört, denn zu jedem Essen gibt es ein paar große Kannen Chlorwasser. Keiner kann verstehen dass ich mir extra Wasser kaufe. In ein paar Wochen würde ich das Chlor nicht mehr schmecken. Ich bin ja mal gespannt. 

Je nachdem welchen Wasserhahn man nimmt, bekommt das Wasser zudem einen leicht metallischen Geschmack. Es liegt vor allem an den schlechten uralten Leitungen die überall verbaut sind und seit hundert Jahren nicht gewechselt wurden. Denn so etwas wie Instandhaltung ist unter den Amerikanern nicht ganz so populär wie in Deutschland. Das trägt unter anderem nicht gerade zur Verschönerung des Stadtbildes bei. Denn an jedem Straßenrand gibt es hölzerne Strommasten, die unter der schweren Last eines tief durchhängenden Kabelgewirrs teilweise schon kurz vorm umfallen sind. Das Gewirr zieht sich durch alle Straßen mit Abzweigungen zu den Häusern an dessen Hauswänden die Unordnung häufig ihren phänomenalen Höhepunkt zu finden scheint. Ich frag mich, wieso kann man so etwas extrem Hässliches nicht einfach in geordneten Bahnen unter die Erde legen?

gibt schöneres


Kälte


Die hässlichste Nachbarschaft ist es übrigens nicht in der ich lebe, denn das richtige Ghetto liegt in anderen Stadtteilen. Aber ist meine Community bewohnt trotzdem ein für unsere Verhältnisse sehr heruntergekommenes, altes Haus. Merkwürdige Gerüche, die ich inzwischen gar nicht mehr wahrnehme, haben mich am ersten Abend im Hausflur begrüßt. Das gesamte Haus ist sehr schlecht isoliert, manche Fenster haben so enorme Spaltmaße, dass das Lüften überflüssig wird. Und es wird verdammt kalt im Winter. Eine kurze Kostprobe auf Bevorstehendes war mir schon gegönnt, als die Temperaturen für kurze Zeit unter 10 Grad gefallen sind. Man friert sich den Arsch ab selbst wenn man mit der dicksten Winterjacke im Haus rumläuft. Und übliche Temperaturen im Winter sind -20°. Wenn es soweit ist wird die Heizung wenigstens ein bisschen Wärme spenden, aber um Kosten zu sparen wird sie erst Ende November angeschaltet. Solange heißt, es auf gutes Wetter hoffen. 

Bettgesellen
Außerdem gibt es in dem Haus bed bugs, zu deutsch Bettwanzen. Eigentlich galten sie schon fast für ausgestorben doch zurzeit breiten sie sich vor allem in Amerika aus. Sie kommen nachts aus ihren Verstecken raus in dein Bett und saugen dein Blut. Sie haben einen typischen süßlichen Geruch den sie verbreiten. Das Tragische ist, dass sie sogar von einem meiner Vorgänger nach einem Hostelbesuch eingetragen wurde und es ist nahezu unmöglich sie wieder rauszubekommen. Der Kammerjäger würde über 13000 Dollar kosten und von dem Geld kann man sich in Cleveland ein neues Haus kaufen. Meine erste Bekanntschaft habe ich in der zweiten Nacht gemacht. Als ich morgens um 5 Uhr aufgewacht bin (das ist ihre Fresszeit) und zwei von denen in meinem Bett sind. Ich liege schon extra auf einer Luftmatratze (da fühlen sie sich nicht so wohl), die mit zwei Verteidigungslinien von doppelseitigen Klebeband umspannt ist, aber irgendwie mussten es die Viecher geschafft haben. Meine Verteidigungsstrategie geht nun also über in den Angriff. Und auf einmal sehe ich sie überall, in jeder Ecke lauern und ich kille jede einzelne Wanze, indem ich eine nach dem anderen zerdrücke. Dabei geben sie einen widerlichen Geruch ab. An Schlafen war nicht mehr zu denken. Am nächsten Morgen habe ich den ganzen Raum von Grund auf gereinigt und in jede Ecke und Ritze Tonnen von Chemikalien versprüht und ein spezielles Puder verteilt. Wenn ich deshalb ein paar Tage weniger leben sollte, dann wars mir das Wert. Die nächsten Nächte habe ich mir meinen Wecker sogar extra um 5 Uhr gestellt, um auch noch die Letzten zu Töten. Und meine Taktik ist bis jetzt erfolgreich. Fürs erste sind sie gedämmt. Meine Türschwelle – völlig in weiß gepudert – ist nun meine letzte Verteidigungsfront.

Großstadtidylle



Das Photo ist aus dem Badezimmerfenster raus entstanden
Abgesehen von den paar Problemen, kann die Umgebung aber sehr idyllisch sein. Gegenüber ist eine große Kirche mit einer weiten Rasenfläche davor. In der abendlichen Sonne spielen manchmal Kids Football. Und Cleveland hat seine eigene Eichhörnchenrasse, die hier zusammen mit hunderten Spatzen die ganze Wiese füllen können, wenn sie jemand mit ein paar Bortresten füttert. Direkt vor dem Haus ist ein kleiner wilder Vorgarten mit einer riesige  Blütenpracht verschiedenster Blumen in allen möglihcen Farben. Bei warmen Wetter kann man sich einfach auf die Bank setzen und den vielen Bienen bei ihrer emsigen Nektarsuche zusehen. Und wenn ich abends was trinken und ein bisschen feiern will, dann sind gleich in der Nähe einige Bars.
Zum Abschluss noch ein paar Eindrücke von Cleveland:







Dienstag, 4. Oktober 2011

Der Hinflug

Gefräßiger Bankautomat

Nachdem ich noch zwei Wochen in Berlin verbracht habe, natürlich nicht ohne die ein oder andere Sehenswürdigkeit abzuklappern und die großartige Nachtszene kennenzulernen, bin ich endlich zu meinem Flug nach Cleveland aufgebrochen. Der Tag begann erst einmal damit, dass ich am Flughafen noch ein wenig Geld abheben wollte und statt mir das Geld rauszurücken, hat der Automat einfach meine Karte geschluckt. Ich rufe sofort Max, meinen Klassenkamerad aus der ersten Klasse und gleichzeitig auch besten Kundenberater der Sparkasse an. Und ich werde beruhigt, dass das alles kein Problem ist. Die Karte wird zu denen gesendet und dann kann er sie mir nach Amerika hinterherschicken.



Lufthansa


Der Flug ging erstmal über Düsseldorf und dann nach Toronto. Ich bin übrigens mit Lufthansa geflogen und ich muss sagen, jeder Flug mit Turkish Airline ist bis jetzt besser gewesen. Das Sicherheitsvideo war fast gar nicht verständlich und bestand mehr aus ohrenbetäubendem Knacken und Knistern. Auf dem Bildschirm waren nach 10000-fachem Abspulen des Videos nur noch Pixelfragmente zu erkennen. Zudem waren die Anschlüsse für meine Kopfhörer dank eines nervigen Wackelkontakts nur unter ganz bestimmten Winkeln benutzbar, was bedeutete, dass ich es die ganze Zeit festhalten musst und nur in ziemlich unbequemen Positionen Filme sehen konnte. War halt nicht das neuste Flugzeug. Aber wie kleinlich diese Probleme tatsächlich waren, sollte mir nur wenige Stunden später bewusst werden. 

 Aufenthaltsgenehmigung

Ich hatte zwar bereits das Visum aber, benötigte für die Einreise zusätzlich einen Stempel für die Aufenthaltsgenehmigung. Diese bekam ich in Toronto aber erst nachdem ich in einen Special Raum sondiert einige Fragen beantwortet und viel Zeit mit warten verbracht habe. Meine Sicherheitsbeamte war sehr gemächlich (sie war dann mal über ne halbe Stunde weg um vom Supervisor einen Stempel zu bekommen). Die Folge war, dass ich meinen Flug nicht mehr bekommen konnte.
Aber das muss man den Amerikanern lassen, wenn sie auch manchmal um einiges bequemer als wir Europäer erscheinen, so sind sie doch auch oft unkomplizierter. Wenn man einen Flug verpasst hat, ist das kein Problem, man bekommt einfach einen Platz für den nächsten Flug und man muss nicht mal eine Umbuchungsgebühr bezahlen. Außerdem eine weitere Annehmlichkeit, die ich in Deutschland zu oft vermisse: Ich wurde überall mit freiem W-Lan begrüßt.

Turbulenzen


Der Flug von Toronto nach Cleveland war dann nur noch eine sehr kurze Strecke über den Erie-See. Eine Stunde Flugzeit mit einer kleinen Propellermaschine. Allerdings war es wirklich ein historisches Modell, welches ich ohne zu übertreiben auf 50 Jahre schätzen würde. Als einzige Sicherheitserklärung erfahr ich von einer älteren gelangweilten Flugbegleiterin, dass es für den Notfall zwei Exit-Türen gibt. Immerhin sitze ich neben einer. Ein leichtes Gefühl von Sicherheit kommt in mir auf. Diese ist aber nicht von langer Dauer, denn natürlich musste es Turbulenzen geben.
Plötzlich werde ich heftig durchgeschüttelt, dann flackert das Licht und über mir an der Decke fängt es an laut zu pfeifen. Der Spuk ging über 10 min und Ihr könnt mir wirklich glauben, in diesem Moment habe ich mir alle möglichen Szenarien ausgemalt, wie man seine Überlebenschancen bei freiem Fall auf offener See erhöhen kann.
Ich war noch nie so froh, wieder festen Boden unter meinen Füßen zu haben, wie nach diesem abenteuerlichen Flug!

UND: Ich hab es endlich geschafft, ich bin in Amerika!